Die Kunst zur Geschichte

„Still leben mit Pilz“

Still leben mit Pilz

Die Geschichte von

Andreas J.

Es ist der 20. Juli, Hamburg stellt mit 40,1 Grad Celsius einen neuen Hitzerekord auf. Im Schatten eines Baumes im Eppendorfer Hayns Park stirbt Hinz&Kunzt-Verkäufer Andreas. Allein. Sieben Wochen später kommen etwa 30 Menschen in der Kirchengemeinde St. Peter in Groß Borstel zusammen: Sie wollen um Andreas trauern und auf sein Leben zurückblicken.

„Obwohl ich mit Andreas viele Tiefen, Abstürze und Krankheiten erlebt habe, bleiben doch die hellen Momente stärker in Erinnerung“, sagt Inge Dahnke. Die 83-Jährige engagiert sich seit rund 30 Jahren für Hamburger Obdachlose und kannte Andreas ebenso lange. Sie hat auch geholfen, die Trauerfeier zu organisieren.

Immer freundlich sei Andreas gewesen – und treu, erzählt sie in einer Rede während des Gottesdienstes. Das habe sich zum Beispiel in seinen regelmäßigen Besuchen auf dem Friedhof widergespiegelt. Dort legte er Blumen ans Grab seiner früh verstorbenen Frau, die Andreas zu Beginn seiner Hamburger Zeit kennengelernt hatte. Aber auch das Grab von Ingrid Dahnkes verstorbenem Ehemann bedachte er. Wobei es nicht immer bei Blumen blieb. Besonders das erste Weihnachtsfest nach dessen Tod ist Inge Dahnke in Erinnerung geblieben: Zu ihrem Erstaunen hatte Andreas das Grab mit einer Fülle an roten, grünen und goldenen Girlanden behängt. „Alles war voll damit“, sagt sie und schmunzelt.

„Andreas wusste mit Charme auf Leute zuzugehen“, sagt Wolfgang Jäger, ebenfalls Ehrenamtlicher und jahrelang Begleiter von Andreas. Etwa wenn der Hinz&Kunzt-Verkäufer in Eppendorfer Restaurants verkaufte. „Er wünschte einen schönen Abend, einen guten Appetit.“ Der 75-Jährige ist sich sicher: „Wäre es besser für Andreas gelaufen, hätte er der ideale Autoverkäufer im oberen Segment werden können.“ Wolfgang Jäger meint das durchaus anerkennend.

Es lief aber nicht gut für ihn. Stattdessen geriet Andreas’ Leben schon früh aus den Fugen. Geboren in Polen, kämpfte er als junger Mann im sowjetischen Krieg in Afghanistan. So erzählte es Andreas einigen Freunden und Bekannten. Viel sprach er aber nicht über seine Erfahrungen im Krieg, nur so viel: Er desertierte und landete schließlich in Hamburg. Dahnke und Jäger vermuten: Seine Ängste und Panikattacken, wegen denen er oft in psychischer Behandlung war, hatten da ihren Ursprung. 

Das meint auch Sven. Der Ex-Obdachlose erzählt nach der Trauerfeier vor der Kirche im Nieselregen von seiner Zeit mit Andreas. „Er war für mich da. Und ich war für ihn da.“ Andreas sei mehr als eine Zweckbekanntschaft gewesen, wie es sie häufig auf der Straße gebe. Ein Freund sei er gewesen. Auch nachdem Sven es geschafft hatte, vom Alkohol wegzukommen, eine Wohnung und einen Job fand, blieb er mit Andreas in Kontakt.

Fast 30 Jahre lang lebte Andreas obdachlos in Hamburg. Meist in seinem Zelt im Eppendorfer Moor oder im Hayns Park. Zuletzt gelang es ihm aber anzukommen: Im Jakob-Junker-Haus, einem Männerwohnheim der Heilsarmee in Groß Borstel, bezog er ein Zimmer und lebte dort in den letzten fünf Jahren.

Auch bei Hinz&Kunzt erinnert man sich gern an Andreas. „Ich kenne ihn nur als liebenswerten und freundlichen Menschen. Einfach ein lieber Kerl. Man konnte ihn nicht nicht mögen“, sagt Vertriebschef Christian Hagen: „Als ich gehört habe, dass Andreas gestorben ist, war ich sehr betroffen.“ Seit 2002 war Andreas beim Straßenmagazin, verkaufte meist in der Eppendorfer und Groß Borsteler Gastronomie. Auch wenn er wegen seiner Alkoholkrankheit nicht immer in „angemessenem Zustand“ dort erschien, wie Christian Hagen erzählt: „Er hat sich die Sympathie der Gastronomen nie verspielt.“ 

„Er war ein Lebenskünstler, ein Überlebenskünstler“, sagt Inge Dahnke. So habe er zum Beispiel immer die größten Steinpilze in ganz Hamburg gefunden. Wo, das verriet er nicht. „Als ich ihn bat, mir die Pilze nicht geschmort mitzubringen, antwortete er: ‚Ich weiß: Du meinst Maden und Würmer. Aber wenn es gebraten, du merkst nichts.‘“

Andreas war beliebt, besonders bei den Eppendorfer und Groß Borsteler Ehrenamtlichen, das zeigte auch seine Trauerfeier. Wochenlang hatten sich die Ehrenamtlichen bei Ämtern bemüht, sich um eine Grabstätte gekümmert, um eine Urne, Blumenschmuck und die Organisation der Feier. Insbesondere Freiwillige der Kirchengemeinde St. Peter, in deren Winternotprogramm Andreas zwischendurch mehrfach unterkam, sowie Mitarbeiter:innen und Ehrenamtliche des Jakob-Junker-Hauses und der angegliederten Tafel-Ausgabe waren involviert. 

„Wäre er gestorben, als er noch Platte im Moor gemacht hat, hätten wir ihn vielleicht nie gefunden“, sagt Wolfgang Jäger. Er meint auch, bei aller Trauer sei Andreas’ Tod stimmig: an einem Baum lehnend im Hayns Park, seinem Lieblingspark. „Es ist ein goldener Abgang.“ Seine letzte Ruhe hat Andreas auf dem Ohlsdorfer Friedhof gefunden. In einem Baumgrab.

Noch mehr von Andreas:

Credits:
Text: Lukas Gilbert
Foto: Mauricio Bustamante

30 Kunstwerke, geschaffen von 30 Hinz&Künztlerin:innen

Für weitere Informationen klicke einfach auf eines der folgenden Kunstwerke.

Am 22. November wurde ein Teil der Homeless Gallery zusammen mit zahlreichen Kunstwerken und Auktionslosen, die namhafte Künstler*innen gespendet hatten, versteigert. Mehr als 40.000 Euro kamen an diesem Abend für das Straßenmagazin Hinz&Kunzt zusammen.

 

Die Werke der Homeless Gallery, die im Rahmen der Auktion aufgrund der Vielzahl nicht unter den Hammer kommen konnten, können ab sofort über einen Auktions-Nachverkauf erworben werden.

Jedes Bild aus der Homeless Gallery ist ein Unikat, zu dem es ein Echtheitszertifikat gibt. Alle Erlöse des Nachverkaufs fließen vollständig an Hinz&Kunzt, die gemeinsam mit einer Hamburger Stiftung neuen Wohnraum für Obdachlose schaffen.

„Wir freuen uns sehr, über das große Interesse an der Homeless Gallery und den Lebensgeschichten ihrer Künstlerinnen und Künstler”, sagt Hinz&Kunzt Geschäftsführer Jörn Sturm. „Es zeigt, dass wir mit der Ausstellung einen Nerv getroffen haben und dass die Menschen unseren Einsatz für Obdach- und Wohnungslose schätzen. Natürlich sind wir sehr glücklich über den Erlös, den die Versteigerung eingebracht hat, und möchten uns herzlich bei allen Besucher*innen, Mitbietenden und Käufer*innen bedanken.”

Auch eine kleine Auswahl an weiteren Kunstwerken kann noch erworben werden. Der Nachverkauf-Katalog ist hier zu finden: