Die Kunst zur Geschichte

„Nach dem Sturm“

Nach dem Sturm

Die Geschichte von

Richard Edel

Ich war von 1986 bis ‘90 bei der Marine.Wir waren damals die zweitschnellste Einheit auf der Ostsee mit viermal 3200 PS. Das war schon ein irres Teil. Hat Spaß gemacht. Ich war sogenannter Signäler, habe also den Sprechfunk bedient. Die meisten Morsezeichen kriege ich noch zusammen, und die meisten Flaggen erkenne ich auch noch. 

Nach dem Wehrdienst habe ich als Kurierfahrer gejobbt. Eines Tages habe ich mit 2,1 Promille einen neuen Passat Kombi gegen einen parkenden Lkw gesetzt: 13.800 Mark Schaden. Ich habe eigentlich nie Alkohol getrunken, wenn ich gefahren bin. Aber wir waren zu dritt bei einem Konzert in der Großen Freiheit, und der Fahrer hatte eine Frau kennengelernt, mir den Schlüssel in die Hand gedrückt und sich abgesetzt. Und ich setzte mich dumm hinter das Steuer. Das war’s dann mit Führerschein und dem Job als Kurierfahrer. Anschließend habe ich eine Elektrikerlehre versucht, aber nicht beendet.

Damals habe ich schon gekifft. Dann habe ich Kontakt zu Leuten bekommen, die gekokst haben. Das war der Anfang meiner harte-Drogen-Geschichte. Irgendwann habe ich dann Heroin ausprobiert und die klassische Karriere gemacht: mit kleinen Besitzdelikten und Schwarzfahren. Rein in den Knast, raus aus dem Knast, wieder Heroin, obdachlos und unter der Brücke wohnen oder irgendwo, wo es windstill ist.

Im Knast hatte ich die Idee für einen Science-Fiction-Roman. Weil ich da Schlafschwierigkeiten und Langeweile hatte, fing ich an, diese Idee niederzuschreiben. Nach meiner Entlassung ist das Manuskript leider abhandengekommen. Also habe ich beim nächsten Knastaufenthalt wieder neu angefangen. Mittlerweile gibt es das auch auf dem Laptop und ist zu etwa einem Drittel geschrieben. Ich bin bei knapp 80 Seiten. Es ist eine coole Geschichte. Mal gucken, ob sie jemals ganz fertig wird. Aber wird schon.

Wieder draußen aus dem Gefängnis habe ich jedenfalls aus Not angefangen, Hinz&Kunzt zu verkaufen. Aber ich war drogensüchtig. Das heißt, ich konnte mich nicht hinstellen und warten, dass Kundschaft kommt. Also war ich acht bis 14 Stunden fast täglich in Restaurants und Kneipen in der Langen Reihe unterwegs, habe davon meinen Konsum finanziert und Essen und so weiter. Später habe ich einen unterstützten Entzug geschafft. So hatte ich irgendwann auch wieder eine Wohnung.

Inzwischen gehört zu meinem Leben auch eine Frau! Moni und ich sind zwar nicht vor Staat und Kirche verheiratet, aber vor uns. Ich habe meine Moni beim Bowlen kennengelernt und über die Musik. Sonntags bin ich immer zu ihr gefahren, habe mich an ihren Laptop gesetzt und mir Musik runtergezogen. Musikmäßig bin ich ein Kind der 1980er Jahre. Queen und Pink Floyd sind so die großen Helden – und ich bin ein eingefleischter Prince-Fan. Nebenbei haben wir uns unterhalten und sind uns näher gekommen. Mittlerweile wohnen wir zusammen und sind verheiratet. Für uns.

Noch mehr von Richard:

Credits:
Text: Sybille Arendt
Foto: Mauricio Bustamante

30 Kunstwerke, geschaffen von 30 Hinz&Künztlerin:innen

Für weitere Informationen klicke einfach auf eines der folgenden Kunstwerke.

Am 22. November wurde ein Teil der Homeless Gallery zusammen mit zahlreichen Kunstwerken und Auktionslosen, die namhafte Künstler*innen gespendet hatten, versteigert. Mehr als 40.000 Euro kamen an diesem Abend für das Straßenmagazin Hinz&Kunzt zusammen.

 

Die Werke der Homeless Gallery, die im Rahmen der Auktion aufgrund der Vielzahl nicht unter den Hammer kommen konnten, können ab sofort über einen Auktions-Nachverkauf erworben werden.

Jedes Bild aus der Homeless Gallery ist ein Unikat, zu dem es ein Echtheitszertifikat gibt. Alle Erlöse des Nachverkaufs fließen vollständig an Hinz&Kunzt, die gemeinsam mit einer Hamburger Stiftung neuen Wohnraum für Obdachlose schaffen.

„Wir freuen uns sehr, über das große Interesse an der Homeless Gallery und den Lebensgeschichten ihrer Künstlerinnen und Künstler”, sagt Hinz&Kunzt Geschäftsführer Jörn Sturm. „Es zeigt, dass wir mit der Ausstellung einen Nerv getroffen haben und dass die Menschen unseren Einsatz für Obdach- und Wohnungslose schätzen. Natürlich sind wir sehr glücklich über den Erlös, den die Versteigerung eingebracht hat, und möchten uns herzlich bei allen Besucher*innen, Mitbietenden und Käufer*innen bedanken.”

Auch eine kleine Auswahl an weiteren Kunstwerken kann noch erworben werden. Der Nachverkauf-Katalog ist hier zu finden: